Eine neue Technik: Handnähen!

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Ja, ich habe es schon mal versucht - bei Nearly Insane. Das ging total schief, siehe hier.

Aber Dutch Treat ist fast fertig (nur noch 4 Blöcke von 196), ich brauche dringend ein neues unterwegs-Projekt! Nachdem ich inzwischen applizieren kann, wollte ich nochmal einen Versuch mit Handnähen starten.

Ich habe nur leider keinen Kurs in Deutschland gefunden, bei dem ich es hätte lernen können. Handquilten bieten viele an, aber handpiecen? Nee, ausgestorbene Kunst.
 

Es gibt das Buch 'Quiltmaking by Hand' von Jinny Beyer. Das hat mir bei Nearly Insane ja nur bedingt geholfen.

Also habe ich im internet geforscht.

Die besten youtube-Videos aus meiner Sicht sind diese von Marianne Roberts von Craftlovers:
www.youtube.com/watch
www.youtube.com/watch

und dieses von Becky Goldsmith
youtube.com/watch?v=pNpSCsz-pzM

Der Vollständigkeit halber auch das von Jinny Beyer
youtube.com/watch?v=d_nIPPESxbM


Bei den Blogs habe ich diese gefunden:

Crispy hat eine komplette - sehr gute - Anleitung mit Unmengen von Fotos auf dieser Seite:
handpiecingwithcrispy.blogspot.com/

Pat Sloan hat ebenfalls etwas geschrieben:
blog.patsloan.com/2013/07/pat-sloan-hand-piecing-made-simple.html

Das hat eigentlich gereicht. Mir war inzwischen klar, wie das Ganze funktionieren muss.
 

Meine Probeteile habe ich mit Accuquilt ausgeschnitten, schon mal ein guter Anfang. So kann ich sicher sein, dass sie perfekt geschnitten sind. Für diesen ersten Versuche habe ich die Quadrate mit 2,5 inch geschnitten.



1. Schritt - Linien zeichnen
Das fand ich in der Theorie schwierig und aufwändig. Was, wenn der Stoff sich verzieht? Muss ich extra ein Brett bauen, wie einige Anleitungen es empfehlen (Holzbrett mit ganz feinem Sandpapier bekleben)?
Nee, war nicht nötig. Ich hatte 4 völlig verschiedene Stoffe, keiner ist gerutscht. Bei hellen Stoffen habe ich eine Bleistift-Mine genommen, bei dunklen Stoffen den normalen Chalkmarker von Sewline.

Aber: das Lineal!  Ich dachte, dafür wäre mein süßes kleines 6x1-inch Lineal von Olfa geeignet. Vergiss es - das Lineal hat wie alle alten Lineale von Olfa diese dicken gelben Linien, da sieht man gar nicht, wo man den hauchdünnen Strich hinzeichnen soll.
Stattdessen habe ich das 4,5x4,5 Olfa-frosted genommen. Viel besser.

Ich hatte es mir mühselig vorgestellt, diese ganzen Linien zu zeichnen.  Aber: es ging ratzfatz!


2. Schritt - stecken
Man muss die Teile mit Stecknadeln fixieren.
Ich habe 4 Sorten: die kleinen Applique-Nadeln, Profi-Schneider-Nadeln (mit  winzigem Metallkopf), ganz normale Stecknadeln und die mit dem flachen Blumenkopf.

Testergebnis:
die kleinen Applique-Nadeln sind mir zu kurz, um die Stoffteile zu fixieren. Die Profi-Nadeln haben einen zu kleinen Kopf. Bleiben die normalen Nadeln oder die Flowerhead. Die Flowerhead sind länger - das spricht für sie. Aber die ganz normalen Nadeln mit dem gelben Rundkopf sind dünner - ich verwende lieber diese. Bei den Flowerhead muss ich immer ganz schön heftig in den Stoff stechen, damit die Nadel durchgeht.


3. Schritt - nähen
Äh ja. Womit? Welche Nadel, welche Stärke, welches Garn??

Jede Quilterin empfiehlt was Anderes. Also wie immer: ausprobieren...
Ich habe so ziemlich jede Nadel, die ich habe, mit jedem Garn getestet.
 

Viele schwärmen von Aurifil 50/2. Ich habe mit dem Garn schon so ziemlich alles probegenäht (piecen mit der Maschine, Quilten mit der Maschine, handappliqué), bei keinem Einsatz hat mir das Garn gefallen.
Auch beim handpiecen nicht.
Ich bewahre die Spule trotzdem nochmal auf. Vielleicht ergibt sich ja irgendwann ein Zweck.

normales Gütermann-Nähgarn aus Polyester:
Viel zu dick. Ich hatte das Gefühl, ich nähe mit Schiffstau.

Superior Bottom Line oder YLI Silk
zu dünn

Superior Masterpiece oder SoFine
Beide sind ok. Ich habe die Spule Masterpiece schon lange und noch nichts gefunden, wofür ich sie verwenden möchte. Kann also sein, dass ich zunächst damit nähen werde.
SoFine ist etwas dünner und rutscht etwas besser durch den Stoff.


Die Nadeln! Ach je -
Beim Applizieren schwöre ich auf Tulip Applique No 10.
Beim Quilten auf Roxanne Betweens No 11.
Gehen beide nicht fürs handpiecen, viel zu kurz.
Milward Sharps: zu dick
Clover: Black Gold Needles No 10 - die Nadel geht!  Sie ist lang und sie ist dünn. Nur das Loch ist etwas klein, selbst für Masterpiece. SoFine passt besser durch.  (No 12 ist zu klein, No 9 geht)

Ich habe von Tulip die Piecing Nadeln No 9 bestellt, wird allerdings einige Wochen dauern, bis sie aus USA hier eintreffen. Und in Frankreich habe ich die Sewing Nadeln bestellt (bei denen gibt es eine Packung mit mehreren Größen). Bis dahin gehen die Black Gold auf jeden Fall.  Warum das alles nicht in Deutschland zu finden ist, keine Ahnung! Wenn jemand einen Tipp = Anbieter kennt - bitte Info an mich!

 Hersteller Bezeichnung Größe Durchmesser Länge
 Tulip Applique Classic Eye10 0,46 mm 3,3 cm
 Tulip Applique Big Eye10 0,46 mm 3,3 cm
 Tulip Applique Classic Eye11 0,46 mm 2,9 cm
 Tulip Sewing7 0,69 mm 3,97 cm
 Tulip Sewing8 0,61 mm 3,65 cm
 Tulip Sewing9 0,53 mm 3,33 cm
 Tulip Piecing8 0,61 mm 3,7 cm
 Tulip Piecing9 0,61 mm 3,5 cm
 Clover Black Gold Applique Sharp9 0,53 mm 3,49 cm
 Clover Black Gold Applique Sharp10 0,46 mm 3,33 cm
 Clover Black Gold Applique Sharp12 0,46 mm 2,88 cm
 Roxanne Quilting Betweens9 ? ?
 Roxanne Quilting Betweens10 ? 2,54 cm
 Roxanne Quilting Betweens11 ? ?
 Roxanne Quilting Betweens12 ? ?

Testergebnis: Am besten finde ich die Tulip Sewing No 9.  Sie ist superdünn und flutscht mühelos durch den Stoff. Sie ist zwar kurz, aber wie schon die Applique-Nadeln von Tulip sehr stabil, da biegt sich nix.

Zweiter Favorit ist die Black Gold Applique Sharp von Clover, No 9 oder 10. Obacht, 10 ist sehr dünn, sie ist mir etwas zu biegsam im Vergleich zur No 9 oder zur Tulip Sewing.


Wie lief es?

Vor allem schnell! Viel schneller als gedacht, vor allem, weil ich NICHT bei jedem Stich prüfe, ob ich hinten auf der Linie rauskomme. Ist nicht nötig. Ich fixiere die 2 Teile mit den Stecknadeln, dabei prüfe ich die Position der Teile. Dann nähe ich nur noch. Und das geht wirklich sauschnell!

Knoten: Ich mache vorher einen Knoten ins Garn. Am Ende der Reihe mache ich den Pseudo-Knoten, den Marianne Roberts empfiehlt, damit fühle ich mich sicherer als mit dem einfachen Loop.


Und die Blöcke werden sauber - unglaublich! Normale Quadrate und Half Square Triangles sind überhaupt kein Problem. Beim Square on Point habe ich die Linien nicht sauber gezeichnet - schon war die Naht schief. Wieder was gelernt.


Die Rückseite sieht natürlich erstmal chaotisch aus. Alle empfehlen, erst am Ende eines Blocks zu bügeln. Ich war aber unterwegs und wollte vor allem das handling beim Nähen ausprobieren, deswegen habe ich ganz viele Teile aneinander genäht, ohne zwischendurch zu bügeln.


Als ich dann wieder zu Hause war und gebügelt habe, wurde mir klar, dass die Empfehlungen ihren Sinn haben.

Ich habe es nicht geschafft, diese vielen Teile auf der Rückseite sauber zu bügeln. Sobald hinten der Saum in der gewünschten Richtung war, hatte ich vorne eine kleine Falte drin. Wenn es vorne ok aussah, war hinten Chaos.


Also zukünftig: jeden Block gerne mit den Fingern in die gewünschte Richtung drücken. Und bügeln, sobald er fertig ist, bevor der nächste Block oder ein sashing drankommt!
Jinny Beyer schreibt übrigens in ihrem Buch, dass sie einfach am Schluss das fertige Top auf ein dickes, flauschiges Handtuch legt und dann plattbügelt. Die Rückseite interessiert sie nicht.
Hm. Ich glaube, ich bügele lieber ordentlich. Aber andererseits - vielleicht doch nochmal ausprobieren, wenn die ersten Blöcke fertig sind?

Die ersten Blöcke sind fertig - und es geht wirklich sauschnell. Ich hatte 'Zutaten' für 6 Blöcke für einen Wochenend-Trip mitgenommen - da wurden schon auf der Hinfahrt mit dem Zug 3 Blöcke fertig. Kein Vergleich mit den Dutch-Treat-Blöcken, die gingen deutlich langsamer.

Ich habe dann doch noch so ein Anti-Rutsch-Brett gebastelt. Für die geraden Linien hier brauche ich es nicht, aber für den Nordpol doch. Diese vergleichsweise riesigen Teile rutschen auf dem Untergrund zu sehr. Das Brett zu basteln war einfach - ein Stück Hartplastik (hatte noch welches übrig, ich nehme diese Sorte immer für Handtaschenböden) mit gaaaanz feinem Sandpapier bekleben.



Wenn Du eine Info erhalten möchtest, sobald ich einen neuen Quilt veröffentliche, klicke hier.

Comments (2)

  • Doro
    Doro
    at 17.11.2018
    Hallo,
    ich bin soeben über Deinen tollen Blog gestolpert - er zeugt von einem großen Wissen, Können und Beharrungsvermögen. Das tut gut, anzuschauen.
    Wenn Dir das Handnähen liegt, hast Du Dir die INKLINGO-Methode von Linda Franz schon einmal angesehen? Zusammengefasst hast Du dabei Nählinien u. Ansatzlinien, ohne selber zeichnen zu müssen.
    ich nähe z.Zt. einen Passacaglia danach und habe bereits einen Drunkhard's Path handgenäht.

    liebe Grüße von
    Doro
    • Nina
      Nina
      at 17.11.2018
      Hallo Doro,
      Danke!! Tut immer gut, sowas zu lesen. (By the way - wie hast Du mich gefunden?)
      Klar, Linda Franz habe ich mir auch angesehen. Die Methode scheitert bei mir mangels Drucker, deshalb habe ich sie nicht erwähnt. Hm - sollte ich vielleicht nachholen.
      Ich wage es nicht, bei meinem Arbeitgeber auf Stoff zu drucken; -)
      LG Nina

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